Der Fluch der Reservewährung
Der Vizepräsident der Vereinigten Staaten, JD Vance, hat kürzlich eine bemerkenswerte These aufgestellt: Er hinterfragt den Status des US-Dollars als weltweite Reservewährung und bezeichnet diese Stellung als ökonomischen Fluch. Er zieht dabei einen historischen Vergleich zur sogenannten Ressourcenfluch-Theorie heran, konkret am Beispiel der Kohle in der Appalachen-Region. Historisch gesehen kauften Landagenten im späten 19. Jahrhundert Bergbau- und Mineralrechte von Farmern in West Virginia und Kentucky für etwa einen Dollar pro Acre. Für die Farmer schien dies wie freies Geld, doch die Kohle, die anschließend im Wert von Milliarden Dollar abgebaut wurde, befeuerte die amerikanische Industrie und half beim Kampf in zwei Weltkriegen. Letztendlich jedoch gehörten die Landrechte externen Konzernen, die kaum Steuern zahlten. Als die Kohle erschöpft war, verließ der Reichtum die Region und hinterließ verarmte Grafschaften ohne Infrastruktur.
Vance wendet diese Metapher auf die gesamte US-Wirtschaft an. Das wertvollste Gut, das die USA heute produzieren, sei Kapital beziehungsweise Geld. Durch die jahrzehntelange Konzentration auf die Geldschöpfung sei die reale Wirtschaft ausgehöhlt worden. Ein messbarer Beweis dafür ist die Stromerzeugung: Die Vereinigten Staaten produzieren heute nicht mehr Strom als im Jahr 2004. Das Wirtschaftswachstum fand ausschließlich in Sektoren wie Finanzdienstleistungen, Software und Asset-Preisen statt – Bereiche, die keine reale Macht projizieren oder bei der Verteidigung globaler Handelsrouten helfen. Währenddessen hat China seine Stromnetz-Kapazität von weniger als der Hälfte auf mehr als das Doppelte der USA ausgebaut. Die Fähigkeit, reale Güter zu produzieren, geht verloren.
Die Waffe Dollar verliert an Macht
Der Dollar als Reservewährung galt lange als das „exorbitante Privileg“ der USA, da die Nation das Geld erschafft, das die Weltwirtschaft benötigt. Doch dieses Privileg bröckelt. Seit dem Jahr 2014 haben die Zentralbanken weltweit aufgehört, US-Staatsanleihen in großem Stil zu kaufen. Stattdessen greifen sie verstärkt zu Gold. Der Hintergrund ist die zunehmende Waffenisierung des Dollars. Finanzminister Scott Bessent erklärte in einem Interview aus dem Jahr 2023, dass eine milliardenschwere Strafe gegen die französische Bank BNP Paribas ein Weckruf gewesen sei. Die USA hatten die Bank für Geschäfte mit sanktionierten Ländern bestraft und damit bewiesen, dass der Dollar als außenpolitisches Instrument eingesetzt wird. Dies veranlasste selbst Verbündete dazu, nach alternativen Systemen zu suchen.
In seiner aktuellen Rolle warnt Bessent Länder wie den Iran mit neuen Sanktionen, zögert jedoch, das globale Finanzsystem sofort zu destabilisieren, da ein zu harter Schnitt dazu führen würde, dass noch mehr Akteure das Dollar-System verlassen. Die logische Konsequenz dieser geopolitischen Spannungen ist ein historisch hoher Goldpreis. Gold hat andere Reservewerte als Nummer eins abgelöst, da es frei von fiskalischen Defiziten, Kriegskosten und politischen Sanktionen ist.
Illusion der Aktienmärkte
Im Investmentbereich zeigt sich diese Entwicklung in einer starken Verzerrung der Vermögenspreise. Nominal gesehen verzeichnen die Aktienmärkte beeindruckende Gewinne. Der NASDAQ 100 ist in den vergangenen fünf Jahren stark gestiegen. Wer in breit gestreute ETFs investierte, konnte erhebliche Gewinne verbuchen. Doch misst man diese Performance nicht in Dollar, sondern in Gold, zeigt sich ein anderes Bild. Der NASDAQ 100 ist in Gold gemessen im gleichen Zeitraum gesunken. Auch der S&P 500, bereinigt um reinvestierte Dividenden, verliert seit den Zinsanhebungen der Federal Reserve im Jahr 2022 an Wert, wenn man ihn in Gold bemisst. Seit dem Jahr 2000 beträgt der Verlust gegen Gold sogar rund 50 Prozent.
Dasselbe Phänomen zeigt sich beim japanischen Nikkei, der nominal ein Rekordhoch nach dem anderen feiert, in Gold gemessen jedoch deutlich im Minus liegt. Die Aktienmärkte steigen also nicht zwingend an; vielmehr schrumpft das Messinstrument – der Dollar – durch Inflation und Geldentwertung. Anleger fühlen sich reicher, verlieren aber real an Kaufkraft. Noch drastischer ist die Situation für Rentner, die ihr Kapital in sichere Anleihen umgeschichtet haben. Wer 2014 langfristige US-Staatsanleihen kaufte und diese bis heute hielt, verlor in Gold gemessen rund 90 Prozent seiner Kaufkraft. Die Zinszahlungen erfolgten zwar pünktlich, doch das Geld ist heute kaum noch etwas wert.
Die Schuldenfalle schließt sich
Die USA stecken in einer strukturellen Krise. Die Staatsverschuldung hat ein historisches Niveau erreicht. Das Problem ist nicht die Schuld selbst, sondern die Kosten für den Schuldendienst und die Bereitschaft der Gläubiger, weiteres Geld bereitzustellen. Die USA stehen an einem Punkt, an dem die Zinslast die Fähigkeit der Nation zu wirtschaftlichem Wachstum übersteigt. Die obligatorischen Ausgaben für Sozialversicherung, Medicare, Medicaid, Veteranenleistungen und die Zinszahlungen übersteigen bereits die gesamten Steuereinnahmen. Alles andere – von der Infrastruktur bis zur Verwaltung – muss mit geliehenem Geld finanziert werden. Während die Staatseinnahmen um etwa vier Prozent pro Jahr wachsen, steigen die Ausgaben für diese vier Posten um 7,5 Prozent.
Dies ist der Beginn einer Schuldenfalle. Der Anleihemarkt fordert mittlerweile eine Risikoprämie. Die Rendite 30-jähriger Staatsanleihen erreichte den höchsten Stand seit 2007. Als die US-Regierung versuchte, durch Notfallkäufe die Renditen zu drücken, fiel der Effekt nach nur 24 Stunden in sich zusammen. Um den Anleihemarkt zu stützen, kündigte Finanzminister Bessent an, bis zu 950 Milliarden Dollar aus dem Treasury General Account einzusetzen – eine Summe, die in etwa der Wirtschaftskraft der Schweiz entspricht.
Der Masterplan der Regierung
Um dieses Dilemma zu lösen, verfolgt die Regierung einen subtilen, aber hochwirksamen Plan. Das Ziel ist es, die Schulden von der langen Laufzeit, bei der der Markt die Zinsen bestimmt, auf die kurze Laufzeit zu verschieben, bei der die Federal Reserve die Zinsen kontrolliert. Tatsächlich hat das Finanzministerium seit neun Quartalen in Folge keine langfristigen Anleihen zusätzlich begeben. Stattdessen hat sich das Volumen der vierwöchigen Schatzwechsel mehr als verdoppelt und ist nun das wichtigste Finanzierungsinstrument der USA.
Gleichzeitig startete das Finanzministerium ein massives Rückkaufprogramm für langfristige Anleihen. Die Logik dahinter: Langfristige Schulden mit festverzinsten 3,4 Prozent werden zurückgekauft und durch kurzfristige Schulzen mit 4 Prozent ersetzt. Zwar sind die kurzfristigen Zinsen momentan höher, aber die Federal Reserve hat die volle Kontrolle über sie. Soll die Inflation steigen und die Wirtschaft abkühlen, kann die Fed den kurzfristigen Zinssatz jederzeit auf ein Prozent oder null senken. Die langfristigen Zinsen hingegen sind dem Markt überlassen und entziehen sich der direkten Kontrolle.
Die Opfer der Geldpolitik
Um das Land kurzfristig zu finanzieren, braucht die USA einen gigantischen Käufer, der diese Schulden aufnimmt, ohne Verhandlungen über den Zinssatz zu führen. Hier kommen Stablecoins ins Spiel. Digitale Währungen, die an den Dollar gekoppelt sind, müssen gesetzlichen Vorgaben zufolge durch kurzfristige US-Staatsanleihen gedeckt werden. Menschen in Ländern mit instabilen Währungen wie Argentinien, der Türkei oder Nigeria nutzen diese Stablecoins, um ihr Vermögen zu schützen. Sie fordern keine Zinsen; für sie zählt allein die Sicherheit des Dollars. Dies schafft einen globalen Käuferkreis für US-Schulden, der die Zinsen nahe null toleriert.
Der letzte Schritt des Plans ist die kontrollierte Inflation. Wenn Anleger kurzfristige Anleihen mit einem Zins von beispielsweise zwei Prozent halten, während die reale Inflation bei sechs Prozent liegt, verlieren sie jährlich vier Prozent ihrer Kaufkraft. Ökonomen nennen dies negative Realzinsen. Es ist das mächtigste Instrument zur Schuldentilgung, da es ohne offizielle Krisen auskommt. Die Kontostände der Anleger steigen nominal weiter an, doch die Kaufkraft schwindet. Historisch wurde dieses Mittel bereits nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgreich eingesetzt: Die US-Schulden wurden durch negative Realzinsen von bis zu minus 13 Prozent innerhalb weniger Jahre halbiert. Die Kosten trugen damals die Anleihegläubiger – Rentenfonds, Versicherungen und Sparer.
Während JD Vance argumentiert, die USA sollten aufhören, Geld als ihr Hauptexportgut zu verkaufen und zur Realwirtschaft zurückkehren, verfolgt der Finanzminister den entgegengesetzten Weg. Der Plan zielt darauf ab, das Dollar-System so lange wie möglich am Leben zu erhalten und den Zugang zum Dollar global weiter auszubauen. Es ist möglicherweise der letzte große Akt des Dollar-Imperiums, bei dem die Sparer die Zeche für die historische Schuldenlast bezahlen werden.
