Folgen der globalen Finanzkrise
Unmittelbar nach der globalen Finanzkrise, die die internationalen Märkte in ihren Grundfesten erschütterte, offenbarte sich ein strukturelles Dilemma im globalen Währungssystem. Die Volksrepublik China saß zu diesem Zeitpunkt auf gigantischen Währungsreserven in Form von US-Staatsanleihen und beobachtete die makroökonomischen Entwicklungen mit wachsender Besorgnis. Die chinesische Notenbank hielt Billionen an US-Dollar-Forderungen und musste feststellen, dass die gesamte nationale Ersparnis des Landes im Grunde aus Schuldscheinen eines einzelnen Landes bestand. Dieses Land hatte jedoch gerade erst begonnen, in unbegrenzten Mengen Geld zu drucken, um ein Problem zu lösen, das es durch seine eigene Finanzmarktarchitektur selbst mitverursacht hatte.
Durch die massiven Anleihekaufprogramme, auch als quantitative Lockerung bekannt, wurde die Geldmenge drastisch ausgeweitet. Diese Strategie führte unweigerlich zu einer schleichenden Entwertung der bestehenden Geldvermögen. Für private Anleger ist dieses Phänomen allttäglich: Wenn die Zinsen künstlich gedrückt werden und die Geldmenge steigt, suchen Investoren nach Wegen, ihre Kaufkraft zu erhalten. Sie diversifizieren ihre Portfolios, investieren in breit gestreute ETFs, setzen auf verlässliche Dividenden aus qualitativ hochwertigen Unternehmensbeständen oder flüchten in Sachwerte wie Gold. Für eine gesamte Nation, deren Hauptreserve aus Fremdwährung besteht, ist dieser Schutzmechanismus jedoch weitaus komplexer. China erkannte, dass die expansive Geldpolitik der Vereinigten Staaten direkt zu einer Entwertung der chinesischen Währungsreserven führte. Der Dollar, der als sicherer Hafen galt, wurde durch die Geldpolitik systematisch abgewertet.
Die Verwundbarkeit nationaler Ersparnisse
Aus dieser Erkenntnis heraus entstand im März 2009 ein wegweisendes Dokument. Der Gouverneur der chinesischen Zentralbank veröffentlichte ein offizielles Positionspapier mit dem Titel „Reform des internationalen Währungssystems“. Die zentrale Botschaft dieses Papiers war unmissverständlich: Die weltweiten Ersparnisse sollten nicht länger in der Währung eines einzigen Landes gehortet werden, deren Wert durch politische Willkür und nationale Interessen manipulierbar ist. Die Abhängigkeit vom US-Dollar wurde als systemische Schwachstelle identifiziert.
Wenn eine einzelne Notenbank, wie die US-Federal Reserve, die Zinsen aus rein nationalen wirtschaftlichen Erwägungen heraus senkt oder hebt, hat dies unmittelbare globale Auswirkungen. Kapital fließt in Richtung der höchsten Renditen und sichersten Häfen. Wenn jedoch die Leitwährung selbst durch Geldmengenausweitung an Wert verliert, entsteht eine globale Inflation, von der Schwellenländer besonders stark betroffen sind. Die chinesische Zentralbank forderte stattdessen ein neutrales Instrument, eine Währung oder ein Reservemedium, das von keiner einzelnen Regierung kontrolliert wird. Ein solches System würde verhindern, dass die Sparmühen der ganzen Welt durch die Haushalts- und Geldpolitik eines einzigen Landes zunichtegemacht werden. Es war der Ruf nach einem Wandel, der die Grundlagen des globalen Handels neu definieren sollte.
Das Konzept der Bancor-Währung
Die Lösung, die in dem Papier der chinesischen Zentralbank vorgeschlagen wurde, war nicht neu, sondern griff auf eine historische Idee zurück: die Schaffung einer neutralen, internationalen Reservewährung, die als „Bancor“ bezeichnet wurde. Dieses Konzept stammte ursprünglich von dem britischen Ökonomen John Maynard Keynes. Die Besonderheit des Bancor lag in seiner Deckung. Anstatt auf dem Versprechen einer einzelnen Regierung zu basieren oder auf reinem Papiergeld ohne inneren Wert, sollte der Bancor auf einem Korb von etwa dreißig verschiedenen Rohstoffen basieren.
Ein solcher Rohstoffkorb könnte Metalle, Energiequellen, landwirtschaftliche Erzeugnisse und andere physische Güter umfassen. Der Wert der Währung hätte sich somit aus dem realen, physischen Bedarf der Weltwirtschaft gespeist. Diese Konstruktion hätte eine willkürliche Vermehrung der Geldmenge nahezu unmöglich gemacht, da man nicht einfach Rohstoffe drucken kann, wie es bei Fiat-Geld der Fall ist. Für moderne Anleger ist dieses Prinzip intuitiv verständlich. Wer Angst vor der Entwertung von Papiergeld hat, investiert traditionell in Gold, da dessen Angebot physisch begrenzt ist. Ein rohstoffgedecktes Währungssystem hätte eine ähnliche Disziplin auf makroökonomischer Ebene erzwingen können. Die Hauptaufgabe des Bancor wäre es gewesen, den Handel zwischen allen Nationen der Welt in ein perfektes Gleichgewicht zu bringen, da es nicht den Schwankungen nationaler Zinspolitik unterworfen gewesen wäre.
Historische Parallelen im Welthandel
Um zu verstehen, warum das System des Bancor nie umgesetzt wurde, muss man einen Blick in die Geschichte werfen. Im Jahr 1944, während der Konferenz von Bretton Woods, befanden sich die Vereinigten Staaten in einer Position, die der heutigen Rolle Chinas im globalen Handel stark ähnelt. Die USA waren damals die unangefochtene Werkbank der Welt. Sie produzierten Güter für alle anderen Nationen und verkauften ihre Waren global. Die US-Wirtschaft produzierte massive Handelsüberschüsse, während Europa und Asien nach dem Zweiten Weltkrieg im Wiederaufbau steckten und auf Importe angewiesen waren.
In dieser Situation einer unangefochtenen wirtschaftlichen Dominanz hatten die Vereinigten Staaten kein Interesse an einem Währungssystem, das Handelsüberschüsse bestrafen würde. Das von Keynes vorgeschlagene Bancor-System sah Mechanismen vor, die sowohl Defizitländer als auch Überschussländer unter Druck gesetzt hätten, ihre Handelsungleichgewichte abzubauen. Da die USA jedoch als großer Profiteur des damaligen Ungleichgewichts agierten, lehnten sie eine Bestrafung von Überschüssen ab. Die amerikanische Verhandlungsdelegation nutzte ihre enorme wirtschaftliche und politische Macht, um die Idee des Bancor zu verwerfen. Keynes‘ visionärer Ansatz für eine wirklich neutrale, balancierte Weltwirtschaftsordnung wurde verworfen.
Die Etablierung des Dollar-Standards
Anstelle eines neutralen, rohstoffgestützten Systems erhielt die Welt das Dollar-System. Zunächst war dieser Dollar noch durch Gold gedeckt, was eine gewisse Disziplin in die Geldmengenpolitik brachte. Doch als die USA in den 1970er Jahren mit hohen Inflationsraten und wachsenden Handelsdefiziten kämpften, wurde diese Golddeckung aufgehoben. Seitdem basiert das globale Finanzsystem auf einem reinen Fiat-Dollar, der nur noch durch das Vertrauen in die Wirtschaftskraft und die Militärmacht der USA gestützt wird.
Dieses System hat tiefgreifende Auswirkungen auf die globale Vermögensbildung. Da der Dollar die Leitwährung für den Handel mit Rohstoffen wie Öl ist, zwingen die USA der Welt ihre Finanzpolitik auf. Wenn die Federal Reserve die Zinsen senkt, um die heimische Wirtschaft anzukurbeln, fließt billiges Kapital in Schwellenländer und bläht dort lokale Märkte auf. Steigen die Zinsen wieder, kommt es oft zu massiven Kapitalabflüssen und wirtschaftlichen Einbrüchen in genau diesen Ländern. Die Abkühlung des Dollar-Systems, die China bereits 2009 forderte, ist bis heute ein zentrales Thema der internationalen Finanzarchitektur geblieben. Investoren weltweit versuchen, sich gegen diese strukturelle Abhängigkeit abzusichern, indem sie auf breit gestreute ETFs setzen, verlässliche Dividenden zur Einkommenssicherung nutzen und physisches Gold als ultimativen Schutz gegen die Entwertung von Fiat-Geld einsetzen. Die historische Entscheidung gegen das Bancor-System hat die Welt anfällig für genau die makroökonomischen Verwerfungen gemacht, die die chinesische Zentralbank einst kritisierte.