Die Vormachtstellung des Dollars
Der Chef der grössten US-Bank wurde kürzlich gefragt, ob der Dollar seine Stellung als weltweite Reservewährung behaupten wird. Seine Antwort: Dies hänge massgeblich davon ab, ob die USA militärisch und wirtschaftlich auf einem historischen Niveau bleiben. Doch es gibt einen weiteren, entscheidenden Faktor, der oft übersehen wird: ob das Geld des Restes der Welt weiterhin zwingend durch die US-Wirtschaft fliessen muss. Diese Kontrolle über den globalen Geldfluss ist der wahre Kern der Reservewährungsstellung. Wer den internationalen Zahlungsverkehr dominiert, bestimmt die Regeln des Welthandels und besitzt einen beispiellosen geopolitischen Hebel.
Russlands neues Kryptogesetz
Ein kürzlich unterzeichnetes, umfangreiches Gesetz über digitale Währungen und digitale Rechte legalisiert in Russland de facto Kryptowährungen für den internationalen Handel. Es handelt sich dabei um eine russische Variante des US-amerikanischen «Clarity Act». Der offizielle Grund für diesen Schritt ist der Versuch, den Zugang zu globalen Geldmitteln zurückzugewinnen. Russland argumentiert, dass man jederzeit von legitimen, in Dollar oder Euro gehaltenen Vermögenswerten abgeschnitten werden könnte. Der Zugang zur westlichen Zahlungsinfrastruktur könnte verwehrt werden, und man werde stets neue Vorwände finden, um wirtschaftlichen Druck aufzubauen. Für Russland ist dies ein strategischer Weg, den Zugang zum Weltmarkt trotz bestehender Sanktionen zurückzuerobern.
Korrespondenzbanken und Sanktionsumgehung
Wenn ein Unternehmen in einem Land Waren an ein Unternehmen in einem anderen Land verkauft, bewegt sich das Geld durch eine komplexe Kette von Banken. In den meisten dieser Transaktionsketten passiert das Geld irgendwann eine US-Finanzinstitution. Dieser Knotenpunkt wird als Korrespondenzbankkonto bezeichnet und ist das wichtigste Instrument im internationalen Finanzwesen. Wer dieses Konto kontrolliert, entscheidet letztlich, ob ein Handel stattfindet oder nicht. Russland verlor im Jahr 2022 den Zugang zu vielen dieser Ketten. Das Land verfügt zwar weiterhin über begehrte Rohstoffe wie Öl, Gas, Edelmetalle und Nahrungsmittel, aber die zentrale Herausforderung besteht darin, für diese Exporte bezahlt zu werden. Hier kommen Kryptowährungen ins Spiel. Sie fungieren als Inhaberwert, der direkt zwischen zwei Parteien abgewickelt wird, ohne dass eine Korrespondenzbank in der Mitte sitzt und die Transaktion genehmigen muss. Das neue Gesetz erlaubt es russischen Im- und Exportunternehmen, Verträge mit dem Ausland in Kryptowährungen abzuwickeln, und zwar ohne Transaktionslimits.
Die Gefahr des Schattenbankensystems
Es stellt sich die Frage, warum Russland die Mühe auf sich nimmt, ein legales und lizenziertes System aufzubauen, anstatt auf Schattenbanken zurückzugreifen. Die Antwort darauf liefert der US-Finanzminister, der am Beispiel des Iran deutlich machte, was passiert, wenn man sich nicht an die etablierten Regeln hält. Das Schattenbankensystem des Iran stehe unter massivem wirtschaftlichem Druck, und jeder Vermittler, der dieses System am Leben erhalte, mache sich zum Ziel. Die USA würden diese Netzwerke aufdecken und rigoros vom US-Finanzsystem abschneiden. Das US-Finanzministerium veröffentlichte kürzlich eine Liste von Personen und Unternehmen, die Gelder für eine iranische Bank in mehreren Währungen über Strohmänner verschoben hatten. Die Botschaft der USA ist unmissverständlich: Wer mit sanktionierten Ländern Geschäfte macht, wird aus dem Dollar-System ausgeschlossen. Russland benötigt daher eine legale technologische Infrastruktur, um den Handel mit anderen Nationen aufrechtzuerhalten, ohne sofort blockiert zu werden.
Die inoffizielle Theorie: Digitale Mauern
Neben der offiziellen Begründung gibt es eine weitaus tiefergehende, inoffizielle Theorie. Russland legalisiert Kryptowährungen demnach nicht aus einer plötzlichen Vorliebe für dezentrale Finanzen. Vielmehr baut das Land eine Mauer gegen eine bevorstehende Flut – den US-Clarity Act. Dieser Akt wird es US-Banken und Unternehmen ermöglichen, Dollar in Form von Stablecoins auf das Internet zu bringen, die durch hochstabile US-Staatsanleihen gedeckt sind. Ein Stablecoin ist im Grunde ein Dollar, der direkt auf dem Smartphone lebt. Er benötigt keine Bankfiliale und keine Erlaubnis von einer Zentralbank. Wer einen Internetanschluss hat, besitzt de facto ein Dollar-Konto. In den letzten 80 Jahren war es für Staaten relativ einfach, ihre Bürger im eigenen Währungssystem zu halten, indem sie die Banken kontrollierten und Kapitalverkehrskontrollen errichteten. Stablecoins hingegen geben jedem den Masterschlüssel. Russland fürchtet, dass 140 Millionen Russen entscheiden könnten, ihre Ersparnisse lieber in digitalen Dollar-Apps zu halten, anstatt im Rubel zu verbleiben, der historisch durch hohe Inflation stetig an Wert verloren hat. Wenn die Bürger ihr Vertrauen in die heimische Währung verlieren, steigen die Zinsen, die Zentralbank muss Geld drucken, und die Wirtschaft gerät unter massiven Druck. Um dies zu verhindern, baut Russland sein eigenes digitales Geld, macht es verpflichtend und leitet Gehälter sowie Geschäfte darüber.
Einschränkungen für Privatanleger
Das russische Kryptogesetz ist keine Geschichte der breiten Bitcoin-Adoption. Für den durchschnittlichen russischen Bürger, der als «nicht-qualifizierter Anleger» gilt, bringt das Gesetz kaum Vorteile. Vielmehr wird der Kauf von Kryptowährungen auf umgerechnet rund 3.700 Dollar pro Jahr beschränkt. Vor einem Kauf müssen Bürger einen Eignungstest bestehen und dürfen nur von den Aufsichtsbehörden vorab genehmigte Assets erwerben – eine Liste, die zum jetzigen Zeitpunkt noch gar nicht existiert. Zudem bleibt das Verbot bestehen, Kryptowährungen für Waren und Dienstleistungen innerhalb Russlands zu verwenden. Unternehmen dürfen nicht einmal damit werben, dass sie Bitcoin akzeptieren. Das Gesetz richtet sich eindeutig an den Aussenhandel und nicht an den durchschnittlichen Sparer, der sich vor einer Entwertung seiner Ersparnisse schützen will. Die Beschränkung auf 3.700 Dollar ist der Betrag, den die russische Regierung tolerieren kann, um in einem Asset zu halten, das sie nicht einsehen, nicht einfrieren und nicht kontrollieren kann. Es fungiert als eine Ausgangsmauer gegen die Flut der digitalen Dollar.
Der digitale Rubel als Gegengewicht
Die Erklärung für die strengen Auflagen liegt in der Einführung des digitalen Rubels, einer Zentralbankdigitalwährung (CBDC), die zeitgleich mit dem Kryptogesetz in Kraft tritt. Der digitale Rubel ist keine Kryptowährung, sondern das genaue Gegenteil: Er wird von der russischen Zentralbank ausgegeben und existiert auf einer von ihr kontrollierten Datenbank, in der jede Transaktion lückenlos sichtbar ist. Ab dem Startdatum sind die zwölf systemrelevanten Banken Russlands gesetzlich verpflichtet, ihren Kunden Transaktionen im digitalen Rubel zu ermöglichen. Auch Unternehmen mit einem bestimmten Jahresumsatz müssen ihn akzeptieren, und in den kommenden Jahren wird diese Pflicht schrittweise auf alle ausgeweitet. Die russische Bevölkerung steht diesem neuen Geldmittel jedoch skeptisch gegenüber. Umfragen zeigen, dass die meisten Russen keinen Bedarf für eine dritte Geldform neben Bargeld und Buchgeld sehen. Nur etwa zehn Prozent wären bereit, ihr volles Gehalt in digitalen Rubeln zu beziehen. Um die Nutzung dennoch durchzusetzen, wird die Zentralbank den Geschäftsbanken eine kleine Gebühr pro Transaktion zahlen, wenn sie Gehaltszahlungen über den digitalen Rubel abwickeln. Die Nachfrage muss künstlich erzeugt werden.
Auswirkungen auf Bitcoin
Für den Bitcoin-Kurs bedeutet diese Entwicklung wahrscheinlich wenig. Russland kauft nicht aktiv Bitcoin als strategische Reserve, anders als beispielsweise El Salvador. Es gibt keine Zuweisungen aus dem Staatsfonds. Das Gesetz schafft keine neuen Käufer, sondern limitiert diese durch die strengen Obergrenzen sogar. Im Aussenhandel wird Bitcoin lediglich als Abwicklungsschicht genutzt, ähnlich wie physisches Gold. Das Geld wird auf der einen Seite eingegeben, bewegt sich über Grenzen hinweg und wird auf der anderen Seite wieder in Fiat-Währung umgewandelt. Es entsteht keine nennenswerte Investitionsnachfrage, die den Kurs auf ein neues historisches Niveau treiben könnte. Anleger, die traditionell auf Dividenden oder breit gestreute ETFs setzen, müssen erkennen, dass diese makroökonomischen Entwicklungen tiefgreifendere Auswirkungen auf das globale Finanzsystem haben als kurzfristige Kursschwankungen bei Einzelwerten.
Der globale Systemwettbewerb
Die eigentliche Bedeutung dieser Entwicklungen liegt in der Richtung, in die sich die Welt bewegt: weg vom westlichen Geldsystem. Es entstehen mehrere konkurrierende Systeme für den Geldtransfer. Es gibt Initiativen wie BRICS Pay, Chinas CBDC, die teilweise durch Gold oder einen Währungskorb gedeckt sein könnte, und Russlands digitalen Rubel. Gleichzeitig drängen im US-System grosse Vermögensverwalter in den Markt, um Reserven zu managen. Banken wollen verhindern, dass Tech-Unternehmen höhere Zinsen auf Stablecoins zahlen als traditionelle Sparkonten bieten. Krypto-Unternehmen wollen das neue Bankensystem werden, während Staaten wie Russland und China ihren geopolitischen Einfluss sichern wollen. In diesem Kampf um die neue Finanzarchitektur geht es um Macht und Kontrolle über das globale Kapital. Der einfache Bürger ist dabei nur die Einlagebasis, über deren Geld die grossen Player entscheiden. Das alte System wird durch diese konkurrierenden Versionen ersetzt, und der Kampf darum, wer das neue System dominiert, hat gerade erst begonnen.