Die Hierarchie der Macht
In der modernen Wirtschafts- und Machtarchitektur nehmen Technokraten eine eigenwillige Position ein. Obgleich sie über beträchtlichen Einfluss verfügen, stehen sie nicht an der Spitze der hierarchischen Ordnung. Die eigentliche Kontrolle über die globalen Kapitalströme liegt nicht in ihren Händen. Diese privilegierte Stellung gebührt den Akteuren der Finanzmärkte, den Investmentbanken, Grossfonds und Vermögensverwaltern, die über die zentralen Ressourcenallokationen der Weltwirtschaft entscheiden.
Die Spitze der Machtstruktur wird von denjenigen gebildet, die über die finanziellen Mittel verfügen, um Projekte zu finanzieren oder zu blockieren. Im Sinne der traditionellen Finanzmarkttheorie erinnert dies an die Trennung zwischen Eigentümern und Management: Die Kapitalgeber bestimmen die strategische Ausrichtung, während die operativen Akteure – im vorliegenden Fall die Technokraten – die operative Umsetzung übernehmen.
Effizienz als Leitmotiv
Was die Technokraten antreibt und auszeichnet, ist ihr tiefes Bekenntnis zu Effizienzsteigerung, Skalierbarkeit und der Erschliessung vernetzter Systeme. Ihre Innovationen zielen darauf ab, menschliche und institutionelle Prozesse mit möglichst wenigen Reibungsverlusten zu automatisieren. In vielerlei Hinsicht ähnelt diese Entwicklung den Bestrebungen der Finanzbranche, traditionelle Anlagevehikel wie ETFs und passive Investmentfonds maximal zu standardisieren und damit sowohl für private als auch institutionelle Investoren zugänglich zu machen.
Die digitale Transformation, die von den Technokraten vorangetrieben wird, zielt auf eine umfassende Neugestaltung gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Abläufe. Ihre Überzeugung ist, dass der Einsatz von Technologie immer zu einer Überlegenheit gegenüber menschlichen Strukturen führt. In einer Zeit, in der die weltweite Inflation und die keynesianische Geldpolitik traditionelle Wertschöpfungsmodelle unter Druck setzen, erscheint dieser technologische Lösungsweg vielen als einzig logische Konsequenz.
Die Vision der Ablösung
Im Kern der technokratischen Ideologie steht die Annahme, dass technologische Systeme eines Tages einen wesentlichen Teil der Aufgaben übernehmen werden, die derzeit von staatlichen Institutionen und Behörden ausgeführt werden. Die Verwaltung von Registern, die Erhebung von Steuern, die Überwachung von Normen und Standards – all dies liesse sich durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz und automatisierten Systemen wesentlich effizienter gestalten.
In der Finanzwelt wird eine ähnliche Entwicklung bei der Verwaltung von Vermögenswerten beobachtet. Die Verwaltung von Aktienportfolios, die traditionell teuren menschlichen Fondsmanagern oblag, wird zunehmend durch algorithmenbasierte Systeme übernommen. Die Kosten für Anleger sinken, da die Verwaltung durch die Automatisierung wesentlich rationeller abläuft. Wenn die Technokraten ihre Vision verwirklichen, könnten staatliche Dienstleistungen nach ähnlichen Prinzipien funktionieren.
Die Abhängigkeit vom Kapital
Obwohl die Technokraten über beträchtlichen Einfluss verfügen, sind sie letztlich von der Finanzierung durch die Kapitalgeber abhängig. Ihr Wirkungsbereich erstreckt sich über eine Vielzahl von möglichen Partnern, sofern die finanzielle Ausstattung, der Zugriff auf relevante Daten und die Genehmigung zur Umsetzung ihrer Projekte sichergestellt sind.
Diese Abhängigkeit ist vergleichbar mit der Situation vieler Technologieunternehmen, die vor ihrer Marktreife erhebliche Mittel von Wagniskapitalgebern aufnehmen müssen. Ohne diese Finanzierung würden selbst die vielversprechendsten Innovationen scheitern. Dies zeigt, dass die letztliche Entscheidung über die Umsetzung von Innovationen bei denjenigen liegt, die über die notwendigen Finanzmittel verfügen.
In der Finanzwelt wird eine analoge Entwicklung bei der Geldschöpfung beobachtet. Die Zinsen, die von den Zentralbanken festgelegt werden, bestimmen die Kosten, zu denen sich die Wirtschaft mit frischem Kapital versorgen kann. Eine niedrige Zinspolitik erleichtert die Investition in technologische Innovationen, da die Kosten für das aufgenommene Kapital gering sind.
Die transnationale Dimension
Die Besonderheit der Technokraten ist ihre transnationale Natur. Ihre Softwarelösungen und digitalen Plattformen kennen keine nationalen Grenzen und können in nahezu jedem Land der Welt eingesetzt werden. Diese Eigenschaft unterscheidet sie fundamental von den traditionellen Akteuren der Wirtschaft, die weitgehend an die nationale Rechtsordnung und die jeweiligen geografischen Räume gebunden sind.
Vergleichbare transnationale Eigenschaften weisen nur wenige Finanzinstrumente auf. Gold beispielsweise wird als physischer Wertspeicher weltweit gehandelt und anerkannt, und seine Preisbildung folgt globalen Marktkräften, ohne an eine bestimmte Währung gebunden zu sein. Die globalen Festgeld- und Devisenmärkte ermöglichen es, Kapital in unterschiedlichste Währungsräume zu verschieben, aber die Softwarelösungen der Technokraten übertreffen diese in ihrer grenzüberschreitenden Reichweite noch.
Profit durch Globalisierungserschwernis
Interessanterweise könnte die Macht der Technokraten in einem Umfeld wachsen, in dem die Globalisierung an Boden verliert. Wenn nationale Barrieren errichtet und internationale Handelsströme umgelenkt werden, gewinnen diejenigen Akteure an Bedeutung, die mit ihren digitalen Lösungen diese Barrieren umgehen können. Die Technologie wird so zu einem Instrument, um die Nachteile der sich verengenden nationalen Räume auszugleichen.
Die Finanzwelt erlebt eine analoge Entwicklung, wenn Anleger ihre Portfolios umstrukturieren, um den Risiken einer sich verändernden globalen Ordnung Rechnung zu tragen. Wenn die Inflation in einer Volkswirtschaft steigt, investieren Anleger vermehrt in Sachwerte wie Immobilien oder Gold, um ihre Vermögenswerte zu schützen. Analog dazu investieren die Kapitalgeber in diesem Umfeld verstärkt in die Lösungen der Technokraten, die eine effiziente Umgehung der Barrieren ermöglichen.
Der Druck nach digitaler Kontrolle
Die Finanzwelt übt einen massiven Einfluss auf die technologische Entwicklung aus, indem sie den Bedarf nach programmierbaren Währungen, digitalen Identitäten und sozialen Bonitätssystemen vorantreibt. Diese Instrumente versprechen eine bislang unerreichte Kontrolle über die finanziellen Ströme und die Möglichkeit, nahezu jede Transaktion zu überwachen und zu steuern.
Mit programmierbaren Währungen liesse sich präzise festlegen, wofür ein bestimmter Geldbetrag verwendet werden darf. Dies wäre ein Instrument, das über die herkömmlichen Möglichkeiten der Geldpolitik weit hinausgeht. Die digitalen Identitäten ermöglichen eine zweifelsfreie Zuordnung von Transaktionen zu Personen, und die sozialen Bonitätssysteme könnten das Verhalten der Bürger in einem umfassenden Sinne bewerten und Belohnungen oder Sanktionen verhängen.
Vergleichbar ist diese Entwicklung mit der Entwicklung bei den Dividenden. Die Entscheidung über die Ausschüttung von Gewinnen an die Aktionäre ist ein Instrument, mit dem die Kapitalgeber auf das Verhalten der Unternehmen Einfluss nehmen. Die programmierbaren Währungen wären ein Instrument, mit dem die Kapitalgeber auf das Verhalten der gesamten Wirtschaft Einfluss nehmen könnten. Das bedeutet, dass die technologischen Innovationen von den Finanzakteuren genutzt werden, um ihre Kontrolle über die wirtschaftlichen Abläufe weiter zu intensivieren.
Kapitalflüsse als Machtfaktor
Die Konsequenz dieser Entwicklung ist, dass das Kapital zunehmend in den Bereich der Technokraten fliesst und deren Macht und Einfluss vergrössert. Da die Finanzakteure die Notwendigkeit der digitalen Instrumente erkennen, investieren sie in die entsprechenden Unternehmen und Plattformen. Dies verschafft den Technokraten eine wachsende finanzielle Ausstattung und eine stärkere Position im Konzert der Mächte.
Die Entwicklung ist vergleichbar mit der Beobachtung, dass die Branche der passiven Investmentfonds und ETFs in den letzten Jahren stark gewachsen ist. Die Kapitalgeber erkennen die Vorteile dieser Instrumente und verschieben ihre Mittel entsprechend. Der wachsende Marktanteil dieser Produkte verschafft den Anbietern eine stärkere Position im Finanzmarkt.
Hebel ohne Spitzenposition
Obwohl die Technokraten über einen erheblichen Hebel verfügen, bleiben sie in der Rangfolge der Mächte hinter den Finanzakteuren. Sie sind diejenigen, die die Instrumente entwerfen und umsetzen, aber die Entscheidung über den Einsatz und die Finanzierung liegt bei den Kapitalgebern. Diese Konstellation hat historische Vorläufe, wie etwa die Beziehung zwischen den Erbauern der Eisenbahnen im 19. Jahrhundert und den Finanziers, die den Bau der Strecken ermöglichten.
Im heutigen Finanzmarkt zeigt sich eine ähnliche Konstellation bei der Entwicklung neuer Finanzinstrumente. Die Investmentbanken entwickeln die Produkte, aber die Entscheidung über den Einsatz trifft der Anleger, der über die notwendigen Mittel verfügt. Die Technokraten befinden sich in einer ähnlichen Position: Sie sind die Entwickler und Betreiber der digitalen Infrastruktur, aber die Entscheidung über die Nutzung dieser Infrastruktur liegt bei denjenigen, die die Mittel bereitstellen.
Die Entwicklung der Technokraten ist also von der Entwicklung der Finanzwelt nicht zu trennen. Die Technologie liefert die Instrumente, die die Finanzwelt benötigt, um ihre Kontrolle über die wirtschaftlichen Abläufe weiter zu intensivieren. In der Kombination aus der technologischen Kompetenz der Technokraten und der finanziellen Macht der Kapitalgeber entsteht eine neue Qualität der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Steuerung, die das Gesicht der Welt nachhaltig verändern könnte.