Ein ungewöhnlicher Markteingriff
Ein Ereignis von historischer Seltenheit hat die internationalen Finanzmärkte bewegt: Die Regierung der Vereinigten Staaten hat finanzielle Ressourcen mobilisiert, um die Währung eines anderen Landes zu stützen. Zum ersten Mal seit fast drei Jahrzehnten intervenierten die USA gemeinsam mit Japan im Devisenmarkt. Ziel dieser koordinierten Aktion war es, den japanischen Yen von einem historischen Tiefstand zu befreien. Diese Maßnahme wurde offiziell als Zeichen der tiefen wirtschaftlichen und politischen Freundschaft zwischen Washington und Tokio deklariert.
Das bemerkenswerteste Detail an dieser Geschichte ist jedoch die Art und Weise, wie die Öffentlichkeit von der Intervention erfuhr. Ein Fotograf einer internationalen Nachrichtenagentur nahm ein Foto einer Notiz auf, die sich im Besitz des amtierenden US-Finanzministers befand. Auf diesem Zettel stand der handgeschriebene Auftrag, japanische Yen im Wert von mehreren Milliarden Dollar zu kaufen. Damit wurde offengelegt, dass das US-Finanzministerium aktiv in den japanischen Währungsmarkt eingreift, um den Yen zu retten. Da derartige Eingriffe in der Regel streng geheim gehalten werden, wirft dieses Ereignis Fragen auf: War die Veröffentlichung dieses Fotos ein unglücklicher Zufall oder eine gezielte Aktion?
Es gibt zwei Theorien dazu. Die erste besagt, dass es sich um eine echte To-Do-Liste handelt und die USA den Yen tatsächlich im großen Stil kaufen. Die zweite Theorie geht von einer absichtlichen Inszenierung aus. Ein erfahrener Finanzminister müsste keine Milliardenbeträge und das Währungskürzel auf einen Notizzettel schreiben, als wüsste er es nicht auswendig. Zudem ist der notierte Betrag im Kontext des globalen Devisenhandels, der täglich Billionen bewegt, viel zu gering, um den Markt mechanisch zu beeinflussen. Wenn diese Zahl jedoch veröffentlicht wird, verändert sich die Psychologie des Marktes. Jeder Trader, der auf einen fallenden Yen gesetzt hatte, musste sich plötzlich fragen, ob er weiterhin gegen die Währung wetten möchte, während die US-Regierung als Käufer auftritt.
Das Trilemma der US-Wirtschaftspolitik
Um zu verstehen, warum die USA ein derartiges Interesse an der Stärkung des Yen haben, muss man die makroökonomische Lage der Vereinigten Staaten betrachten. Im gleichen Zeitraum, in dem die Notiz des Finanzministers veröffentlicht wurde, überschritt die Staatsverschuldung der USA eine historische Marke. Die Schulden wachsen in rasantem Tempo, und dies geschieht nicht in Zeiten einer Rezession, einer Pandemie oder eines Weltkriegs, sondern in einer Phase relativer wirtschaftlicher Normalität.
Wenn die Schulden eines Landes derart schnell anwachsen, gerät die Regierung in ein wirtschaftspolitisches Trilemma. Die USA verfolgen derzeit drei zentrale Ziele, von denen sie jedoch nur zwei gleichzeitig erreichen können. Das erste Ziel ist die strategische Unabhängigkeit durch «Reshoring» – also die Rückverlagerung von Fabriken und Produktion (wie Mikrochips und Rüstungsgüter) auf heimischen Boden, um nicht von geopolitischen Rivalen abhängig zu sein. Das zweite Ziel ist die Preisstabilität. Die Inflation muss niedrig gehalten werden, da steigende Preise für Lebensmittel und Treibstoff politisch äußerst gefährlich sind. Das dritte Ziel ist die Aufrechterhaltung der allgemeinen wirtschaftlichen Stabilität, was einen starken Aktienmarkt, niedrige Arbeitslosigkeit und stetige Steuereinnahmen erfordert, um die Zinsen auf die gigantische Staatsschuld zu bedienen.
Das Problem: Wenn die USA ihre Produktion zurückholen wollen, müssen amerikanische Fabriken mit ausländischen konkurrieren können. Das ist bei einem starken Dollar kaum möglich, da er US-Produkte verteuert und Importe verbilligt. Ein schwächerer Dollar würde also das Reshoring fördern, aber gleichzeitig Importe verteuern und die Inflation anheizen. Entscheiden sich die USA hingegen für einen starken Dollar, um die Preise zu kontrollieren, leidet die Wirtschaft. Die Zinsen am langen Ende steigen, Aktienmärkte geraten unter Druck, und die Refinanzierung der Schulden wird teurer.
Die Schuldenfalle und der Anleihenmarkt
Der Anleihenmarkt reagiert auf dieses Trilemma extrem sensibel. Wenn Investoren erkennen, dass es keinen schmerzlosen Ausweg aus diesem Dilemma gibt, fordern sie eine höhere Risikoprämie in Form von Renditen. Dies erklärt, warum die Renditen für langlaufende US-Staatsanleihen, wie etwa die 30-jährigen Treasuries, auf ein Niveau klettern, das seit über einem Jahrzehnt nicht mehr gesehen wurde. Anleger sind bereit, den USA weiterhin Geld zu leihen, erwarten aber eine höhere Verzinsung, da sie davon ausgehen, dass sie in Zukunft mit abgewerteten Dollars zurückgezahlt werden.
Diese steigenden Zinsen verschärfen das Problem zusätzlich, da sie die Bedienung der historisch hohen Staatsschuld verteuern. Es entsteht ein Teufelskreis aus höherer Verschuldung, mehr Anleihenemissionen und weiter steigenden Renditen. Die einzige Lösung für die USA scheint darin zu bestehen, den Dollar schleichend abzuwerten. Dies darf jedoch nicht offen kommuniziert werden, da ein offizieller Schritt zur Dollarabwertung einen globalen Ausverkauf von US-Staatsanleihen auslösen würde. Die Abwertung muss subtil und abstreitbar erfolgen. Aus diesem Grund kaufte die USA bei der Intervention den Yen nicht mit eigenen Dollarreserven, sondern veräußerte Euro-Bestände. Der Yen stieg, der Dollar fiel, aber auf dem Papier fand kein direkter Dollar-Verkauf statt.
Japan als Bankier der Nation
Eine Schwächung des Dollars erfordert zwingend die Kooperation mit Japan, denn Japan fungiert seit Jahrzehnten als der wichtigste ausländische Bankier der USA. Das Land ist der größte ausländische Halter von US-Staatsanleihen. Über 40 Jahre lang exportierte Japan Autos, Elektronik und Maschinen in die USA und reinvestierte die eingenommenen Dollar direkt in US-Staatsanleihen. Dieses System funktionierte, solange die Zinsen in Japan nahe null lagen und die USA höhere Renditen boten.
Diese Dynamik gerät ins Wanken, wenn der Yen extrem schwach wird. Ein starker Yen löst das sogenannte «Yen Carry Trade» auf. Bei dieser Strategie leihen sich Investoren günstig in Japan Geld und investieren es in renditestarke Anlagen weltweit, etwa in US-Aktien oder ETFs. Wenn der Yen nun an Stärke gewinnt, müssen diese Investoren ihre US-Assets verkaufen, um ihre Yen-Kredite zurückzuzahlen. Dies führt zu globalen Marktbereinigungen und einem breiten Rückgang der Aktienkurse. Wenn Japan gezwungen wäre, seine US-Staatsanleihen zu verkaufen, um den eigenen Yen zu stützen, würde dies den US-Anleihenmarkt genau dann treffen, wenn die USA massiv neue Schulden aufnehmen müssen. Die Intervention der USA ist also kein Akt der Nächstenliebe, sondern der Selbstverteidigung der eigenen Finanzmärkte.
Die Psychologie der Währungsmärkte
Die Rolle des US-Finanzministers ist in diesem Kontext von besonderer Bedeutung. Er gilt als einer der erfolgreichsten Währungshändler der Geschichte und hat in der Vergangenheit Milliardenbeträge durch das Verständnis der Marktpsychologie erwirtschaftet. Ein prägendes Beispiel hierfür ist der Schwarze Mittwoch im Jahr 1992. Damals erkannte er, dass britische Hausbesitzer variable Hypotheken hatten. Um das britische Pfund zu verteidigen, hätte die Bank of England die Zinsen massiv anheben müssen, was unzählige Hausbesitzer in die Insolvenz getrieben hätte. Er wettete darauf, dass die Zentralbank dies nicht tun würde – und behielt recht.
Ein ähnliches Szenario wiederholte sich 2012, als Japan ankündigte, Geld zu drucken, um die eigene Wirtschaft zu beleben. Er setzte auf einen Fall des Yen und realisierte erneut Gewinne in Milliardenhöhe. Angesichts dieser Expertise erscheint die Notiz mit dem Yen-Kaufauftrag als gezielte psychologische Waffe. Ein Finanzminister dieses Kalibers braucht keine Notizzettel für Standardwährungsgeschäfte. Indem er den Markt glauben lässt, dass die US-Regierung massiv Yen kauft, schreckt er Speulanten ab, die auf einen weiteren Fall der Währung setzen. Er nutzt die Glaubwürdigkeit der USA, um den Markt ohne den Einsatz riesiger finanzieller Mittel zu lenken. Das Ergebnis ist ein stärkerer Yen und ein schwächerer Dollar – genau das Ziel der US-Regierung.
Historische Parallelen und Marktreaktionen
Die Auswirkungen dieser Strategie auf globale Märkte und private Investitionen lassen sich am besten durch historische Vergleiche einordnen. Man kann dies an zwei Szenarien festmachen. Das erste Szenario ist der Zusammenbruch des Hedgefonds Long-Term Capital Management (LTCM) im Jahr 1998. Die Fed und Wall Street sprangen ein, senkten die Zinsen und pumpten Liquidität in den Markt. Dies erwies sich als hervorragende Kaufgelegenheit, da die Märkte anschließend stark anstiegen. Das zweite Szenario ist der Beginn der Subprime-Krise im Jahr 2007. Auch hier sprachen Beobachter zunächst von einem isolierten Problem und riefen zum Kauf auf, bevor der Markt einen massiven Rückgang erlebte.
In beiden historischen Fällen zeigte sich jedoch eine auffällige Parallele bei den Edelmetallen: Nach dem LTCM-Bailout 1998 fiel der Goldpreis nie mehr auf sein vorheriges Niveau zurück. Dasselbe geschah 2007. Unabhängig davon, ob eine Krise abgewendet wurde oder erst begann, war die Reaktion der Regierungen immer dieselbe: Sie druckten Geld. Anlagen, die nicht beliebig vermehrbar sind, begannen langfristig zu gewinnen. Zu diesen physischen und begrenzten Assets gehören Gold, Rohstoffe, Immobilien und auch Bitcoin.
Die Strategie der schleichenden Abwertung
Die aktuelle Wirtschaftspolitik deutet darauf hin, dass ein umfassender geldpolitischer Wechsel bevorstehen könnte, dieser jedoch einen Auslöser benötigt. Ein anerkannter «Inflation Hawk» kann nicht ohne triftigen Grund plötzlich die Geldmengenexpansion einleiten und die Zinsen senken. Es bedarf einer echten Krise, geprägt von Entlassungen und Marktpanik, damit massives Gelddrucken als Rettungsmaßnahme und nicht als Verrat an den eigenen Prinzipien wahrgenommen wird.
Sollte dies der Plan sein, könnte die Sequenz der Ereignisse so aussehen, dass zunächst die Märkte breit korrigieren, inklusive sicherer Häfen wie Gold. Sobald der Schmerz groß genug ist und die Renditen der Staatsanleihen untragbare Höhen erreichen, wird die Notenpresse angeworfen. Erst dann beginnen die nicht reproduzierbaren Werte zu steigen. Wann genau dieser Wendepunkt eintritt, ist ungewiss.
Investoren sollten daher die Renditen der 10- und 30-jährigen US-Staatsanleihen, die Stärke des Yen sowie die Preise für Öl und Gold genau beobachten. Wenn die Renditen langlaufender Anleihen steigen, während die Aktienmärkte fallen, baut sich der Druck für eine geldpolitische Wende auf. Sobald der Goldpreis steigt, während der Dollar an Wert verliert, ist die Entwertungsstrategie voll im Gange. In solchen Phasen ist es für Anleger entscheidend, ihr Portfolio zu diversifizieren und sich nicht nur auf nominale Gewinne zu verlassen. Strategien, die auf stabile Dividenden und reale Werte setzen, können in einem Umfeld der schleichenden Währungsabwertung eine wichtige Stütze sein.